Nirvana – Leseprobe

Leseprobe S. 77-80

Eines frühen Abends in der Wanne liegend, schaumbedeckt und von Badeölduft umwabert, sinniert Rosita beglückt über die wundersame Engelhaftigkeit dieses oder jenes engelhaften Engels in dieser oder jener wolkigen Engelwelt – da verspürt sie unvermittelt einen Kopfschmerz vorn in der Stirn. Genau im dritten Auge. Das sechste Chakra, bekanntermaßen Instrument der Hellsichtigkeit, blendet sich aus, zieht sich in sich selbst zurück, wandelt sich vom gewohnten mentalen Scheinwerfer zum rußig qualmenden Laternchen.

Dies geht nicht mit rechten Dingen zu, keine Frage. Rositas meditative Einstimmung in die hehre Engelwelt, diese ihr heilige Gewohnheit während eines Wannenbades, noch ins Unendliche gesteigert durch das tausendfache Regenbogenglitzern der Badeschaumbläschen – wie sollte das gestört werden können? Erstmalig, noch nie vorgekommen! Was mischt sich hier ein?

Vom Fußende der Wanne her, rechte Seite, fühlt sie den Blick der Ente auf sich ruhen. Blick der Ente? Irrwitzig. Reine Gedankenkonstruktion! Wie sollte eine Plastikente einen anblicken? Wie sollte sie einen Aufmerksamkeitsimpuls auf einen fokussieren können? Schon gar einen so mächtigen, unzweifelhaft spürbaren, dass der sich auswächst bis zum Kopfweh?

Trotz aller Skepsis gibt sich die Badende, ihrer jahrelangen Praxis als Medium folgend, der ungewohnten Erscheinung hin. Angenehm überrascht, erlebt sie eine sanfte, tragende Kraft, fühlt sich eingebettet in eine beruhigende, friedvolle Strömung, lässt sich darin treiben – und entdeckt: ihr Kopfschmerz ist verschwunden. Ebenfalls aber die Engelwelt!

Seltsam. Was geht hier vor?

Gezielt wendet Rosita sich ihrem Lieblingsschutzengel zu, ihrem Gabriel, erbittet eine Erklärung dieser Merkwürdigkeit – da setzt erneut direkt im dritten Auge der Kopfschmerz ein. Erneut flackert das sechste Chakra auf ihrer Stirn so schwach wie eine blakende Kerze.

Rosita ahnt: da beißt sich etwas miteinander. Hier die Entenströmung, dort die Engelwelt. Zwischen beiden scheint es eine Reibung zu geben, ein Hin und Her, einen geistigen Konflikt, eine Dissonanz der Kräfte…

Liegt es an ihrer Abwehr des Neuartigen? An ihrer Skepsis bezüglich des zwar angenehmen, aber dennoch befremdlichen Friedensstroms seitens einer Plastikente? Oder aber — oh Schreck! -, liegt es eventuell an ihrer geliebten Engelwelt? Hat jemand etwas gegen die Enten-Aura? Möglicherweise gar ihr Gabriel? Woher kommt der Konflikt?

Schon seit Längerem keimte in ihr sachte der Argwohn auf, dass sie im Engelreich vielleicht nur vorfindet, was sie vorzufinden wünscht. Geht es aber vielleicht dort draußen ganz anders zu, als sie bis zu diesem Moment glauben mochte?

Ausgangspunkt ihrer Skepsis war eine Kundin, die sich über den zunehmend düsteren Gemütszustand ihres Lebensgefährten Sorgen machte. Ein Band verenge seine Brust, klagte er, depressiv sei er, hätte keinerlei Zukunftsoptimismus. Rosita beruhigte sie: alles Böse ließe sich vertreiben mit den hilfreichen Segnungen der heiligen Engel. Die Kundin möge sich einfach auf ihren persönlichen Schutzengel konzentrieren, ungefähr einen halben Meter über ihrem Scheitel, ihn ansprechen und um Hilfe für ihren Lebensgefährten bitten. Die Räucherstäbchen waren entzündet, die Kristallbrocken auf dem Beistelltisch neben der Kundin ordnungsgemäß ausgerichtet, sanfte Musik entquoll dem Stereo. Augen bitte schließen. Rosita murmelte Beruhigendes vor, brav murmelte es die Kundin nach. Alles gewohnte Routine, wie schon so oft, direkt nach Lehrbuch.

Am Schluss der Konsultation fühlte sich die Kundin erleichtert, zahlte, ging – und wurde eine Woche später erneut vorstellig: an dem Band um die Brust ihres Lebensgefährten habe sich nichts geändert, das sei immer noch da. Angefangen habe es nach seiner Rückkehr von einer Geschäftsreise nach Benin, Westafrika.

Engel waren hier offensichtlich keine Hilfe. Rosita besann sich auf ihre naturgegebene Hellsichtigkeit, bat um ein Foto des Lebensgefährten und verabschiedete die Dame.

Anhand des Fotos stimmte sie sich auf den Lebensgefährten ein, ließ die mentalen Eindrücke einströmen, die ihr kamen. Schon bald präsentierten sich auf ihrem geistigen Bildschirm Eindrücke eines Wudu-Rituals, durchgeführt von einer dafür bestellten Zauberin, einer dicklichen ältere Frau in landesüblich bunten Gewändern mit farbenfroh gewickeltem Turban. Ihre Auftraggeberin war die Besitzerin des Gasthofs, in dem der Geschäftsmann untergebracht war; sie war wütend, weil er sich weigerte, ihre minderjährige Tochter als zweite Frau mit nach Deutschland zu nehmen. Dafür wünschte sie ihm den Tod.

Rosita sah den Ablauf des schwarzmagischen Rituals Bild um Bild vor sich, Eindruck um Eindruck: der Innenraum eines Lehmhauses, Schilfdach, der Fußboden gestampfte Erde. Es ist Nacht, eine Petroleumlampe gibt dürftiges Licht. Ein Hahn wird geopfert: Hackklotz, schweres Messer, Kopf ab, Blut spritzt. Die Helferin, ein etwa zehnjähriges Kind, fängt das Blut auf in einer Schale. Das entweichende Leben wird aufgefangen von den Händen der Zauberin. Zwischen den beiden Kraftfeldern ihrer Handflächen formt sie die Lebenswolke zu einem Nebelball, zu einer rauchfarbenen Entität von kugeliger Gestalt. Diese Wesenheit bespricht sie in eindringlichem Singsang, beschwört sie, den deutschen Geschäftsmann zu vernichten. Von der Absichtskraft der Zauberin geleitet, schwebt das graue Kugelwesen hinüber zum Gasthof und setzt sich im Brustbereich des schlafenden Reisenden fest, machte ihm die Brust eng und drückt auf seine Stimmung.

Als er von seiner Geschäftsreise wieder in Deutschland anlangte, sah er so schlecht aus, dass seine Freundin einen Schreck bekam und sich an Rosita wandte. Deren erste Aktion, die Engelanrufung, half offensichtlich nicht, ihre zweite jedoch, nämlich der hellsichtige Weg über das Foto hin zum Geschädigten und weiter zu der auf seiner Brust hockenden Entität und damit zu dem Wudu-Ritual, mit dem sie erschaffen wurde, das war erfolgreich, das nahm dem Zauber seine Kraft, und die Entität verflüchtigte sich. Einige Tage später rief die Kundin Rosita an: ihr Mann könne endlich wieder frei atmen.

Gut so, dachte Rosita. Mediale Behandlung per Telepathie gehört bei ihr zur Alltagsroutine, ist nichts Besonderes. Nur, wieso brachte die hochverehrte Engelschar im Fall dieses Wudu-Erlebnisses nicht die gewohnte Hilfe? Heißt das nicht, dass Rosita besser sich selbst und ihrer Hellsichtigkeit vertrauen sollte? Denn das half ja offensichtlich, die Engelschar jedoch nicht. Manchmal half sie, das schon, aber hier nicht. Offenbar hilft sie nicht immer. Nicht zuverlässig.

Damit begann Rositas Skepsis. Und nun auf einmal dies! Ein Dialog mit einer gelben Plastik-Ente am Fußende der Badewanne! Was soll man davon halten?

Praktisch gegen ihren Willen muss Rosita erkennen, dass auch jetzt im Moment, jetzt in der Badewanne, bei Engelgedanken Kopfweh entsteht und sich das sechste Chakra verklebt. Demgegenüber verschwinden bei Einstimmung auf die Ente sowohl die Engelgedanken wie auch das Kopfweh.

Da gibt es offensichtlich einen Zusammenhang. Ist das rußig blakende Stirnchakra eine Warnung? Eine Warnung seitens der lächelnden Ente da hinten auf dem Wannenrand?

Anscheinend. Sieht so aus. Könnte man meinen. – Nur, wer ist diese Ente? Wer oder was steckt dahinter?

Rosita gruselt es. Gänsehaut trotz heißen Badewassers. Aber nicht zu leugnen: während ihrer Überlegungen lässt der Schmerz in der Stirn nach, gleichzeitig entsteht bei der Verbindung mit der Ente ein Wohlgefühl.

Offensichtlich hat das eine wirklich etwas mit dem anderen zu tun. Entenverbindung bedeutet Wohlgefühl. Wieso auch immer. Sie bleibt dran. Mal sehen.

Später, nachdem sie bei längst erkaltetem Badewasser endlich die Erklärung für das seltsame Phänomen gefunden hat, wird Rosita ihrem Guapo freudig erregt zurufen: “Este pato muy especial!”

Mit Recht! Weswegen das Plastiktier zu jenem Zeitpunkt auf El Pato, getauft wurde, zu Deutsch: die Ente, sogar auf El Pato Magico, „weil ist ein Zauber-Ente“.

***

Genüsslich im Badewasser schwelgend spürt Rosita, wie sich ihr Gruseln allmählich legt. Indem sie sich vorsichtig der friedvollen Schwingung des El Pato anvertraut, entschwindet ihr der Engel Gabriel aus dem Sinn, indem sie eintaucht in das Regenbogenglitzern der Seifenschaumbläschen vor ihren Augen, gleitet sie ganz allmählich aus dieser Welt heraus, gleitet in eine andere hinein… 

Vor ihrem geistigen Auge entsteht ein Tunnel – ein enger Tunnel ins Nichts – Tunnelblick wie durch ein Fernrohr… Am Ende des Tunnels erblickt sie eine Erscheinung, einen Umriss, eine Gestalt… Was sie aber dort zu Gesicht bekommt, das ist nicht ihr Lieblingsengel Gabriel, ganz klar… 

Was ist das? Und wo ist das? Kein Wolkenhimmel, keine Lichtwelt… Sieht aus wie ein Labor? Ein Studio, ein Arbeitsraum? Und da sitzt einer…? Da sitzt einer! Sie sieht ihn sitzen! Als stünde sie links hinter ihm, sähe ihn von der Seite, von drei bis vier Meter entfernt… 

Aber sie liegt doch hier in der Wanne! Wie kann sie gleichzeitig dort oben sein und hier unten…? 

Naja gut, Telepathie kennt sie ja, beispielsweise neulich das mit der Wuduzeremonie, da stand sie mit einem Bein in der dortigen Lehmhütte und mit dem anderen in ihrem Behandlungszimmer. Aber das hier…? Das wirkt echt weit weg – und wieso überhaupt „dort oben“? Weltall oder was…?

Der da sitzt… Auf einem Bürostuhl gar? Er wirkt klobig, monströs, wie ein unförmiger schwarzer Sack mit Kopf oben dran. Es wird Rosita zu viel, sie schließt die Augen. Zwar verschwindet damit das Seifenschaumglitzern – das Bild aber bleibt! Bleibt genau so deutlich wie mit offenen Augen. Logisch, geistiger Bildschirm, mediale Verbindung, kennt sie ja – aber noch nie mit so was! Also weiter, nutzt nichts, sie muss da durch… 

Schau hin, Rosita, schau hin!

Die Gestalt sitzt an einem Bildschirm so lang und breit wie ihr Küchentisch. Rundherum Technik. Die ganze Wand voller Computerkram. Stahlschränke. Kabel. Dass der Typ so monströs wirkt, muss an seinem Helm liegen… Er hat einen Helm auf wie für Motocross – oder ist das sein Kopf? Sieht sein Kopf so aus? Arme und Beine hat er, das schon, aber bloß kurze Stummel. Unförmig insgesamt. Bisschen wie ein Maulwurf. Und klein ist der – höchstens 1,50m. Die Kleidung schwarz, wie lichtschluckend, Jacke und Hose — eine Uniform? Ein Maulwurf in Uniform? Mit Motocross-Helm? In einem High-Tech-Labor?

Rosita sieht ihn von links hinten, sie hängt im Raum wie eine schwebende Kamera. Über seine Schulter hinweg blickt sie auf den Bildschirm – ihr Tunnelblick fokussiert sich… Was sie da sieht, auf dem Bildschirm… Ist das nicht sie selbst…? 

Auf dem Bildschirm vor dem schwarzen unförmigen Burschen sieht Rosita Rosita! Sieht sich selbst in der Badewanne liegen. Was so viel heißt wie: der Typ auf dem Bürostuhl sieht sie in der Badewanne liegen! Samt Badeschaum. Samt gelber Plastikente am rechten Fußende. Sie dort unten, körperlich, und gleichzeitig hier oben körperlos, als reiner Blickpunkt. Hier und dort im selben Augenblick!

Erschrecken. Gruseln. Gänsehaut. Zähneklappern. Trotzdem, Rosita bewahrt die Fassung, bleibt dran. Ganz kühl und sachlich wird ihr klar: sie steht unter Beobachtung. Jemand beäugt sie, hat sie auf dem Kieker. In der Badewanne!!! 

Aber — wirklich nur in der Badewanne? Nicht vielleicht auch sonst? Vielleicht schon lange? Schon immer? Vielleicht getarnt als ihr Lieblingsengel Gabriel? 

Ihr hübscher Geflügelter in goldenem Glanz vor hellblauem Hintergrund — ist der vielleicht eine getarnte Kamera? Wenn sie vermeint, den Engel Gabriel anzusprechen, wird da in Wirklichkeit sie beobachtet? Von ihm dort draußen? Gar noch von anderen? Ein Undercover-Manöver? Um sie, Rosita, zu täuschen? Sie gefügig zu machen durch Einflüsterungen? 

Die heiligen Botschaften – in Wahrheit Einflüsterungen?

Rosita schaudert es. Kalt ist ihr. Schnell heißes Wasser nachlaufen lassen. Trotz Gänsehaut und Zähneklappern wird ihr klar: gerade hat sie einen Blick hinter die täuschend schöne Fassade der bislang so verehrten Engelshow geworfen. 

So also sieht es dort also aus! Gerade sieht einem der Macher bei der Arbeit zu. Jetzt! In Echtzeit! Sie hat sich mit einem telepathischen Sprung dort draußen hin platziert, wo auch immer das sein mag, hat sich aus dem Hier und Jetzt der Badewanne in das Hier und Jetzt des Technikraums dort draußen versetzt. Körperlich ist sie hier, geistig an zwei Orten. Bewusste Bewusstseinsspaltung. Kannte sie bis dahin nur aus Büchern. Gibt’s also in echt. Madre mia!

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(Wie es weitergeht: Rosita begegnet einem Außerirdischen, der es auf sie abgesehen hat.)

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